K A N A R I S C H E   I N S E L N 

S P E C I A L

Die Kanaren gelten als Sehnsuchtsort: Palmen, Meer und mildes Klima - die sonnige Inselgruppe im Atlantik scheint der perfekte Ort zu sein, um dem grauen Alltag für eine Weile zu entkommen.

Für viele Menschen, die auf dem Archipel leben, sieht die Realität jedoch völlig anders aus.

Armut und Wohnungslosigkeit auf den Kanarischen Inseln

Während der Tourismus wächst und Millionen Besucher auf die Inseln kommen, steigen gleichzeitig Mieten, Lebenshaltungskosten und sozialer Druck. Auf den Kanaren leben sehr viele Menschen am Rand der Armut: Der Anteil der Bevölkerung, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht ist, steigt stetig an. Überhöhte Wohnkosten gelten als einer der wichtigsten Faktoren, die Menschen in Armut halten oder weiter hineindrücken. 

Viele Wohnungen werden nicht mehr langfristig an Einheimische vermietet, sondern als Ferienunterkünfte angeboten — oft lukrativer, kurzfristiger und besser bezahlt. Wohnraum wird knapper, die Mieten steigen. Menschen mit normalen Einkommen finden kaum noch bezahlbare Wohnungen. Spanien geht inzwischen stärker gegen illegale Ferienvermietungen vor. Landesweit wurden zehntausende touristische Angebote beanstandet, weil sie gegen Regeln verstoßen haben oder notwendige Angaben fehlten. 

Was die Kanaren betrifft, so bringt der Tourismus zwar Geld auf die Inseln, aber nicht dorthin, wo es gebraucht wird. Große Plattformen, internationale Investoren, Hotelketten und externe Anbieter profitieren deutlich stärker von den Einnahmen als die lokale Bevölkerung. Gleichzeitig arbeiten viele Einheimische im Tourismussektor - oft unter schlechten Arbeitsbedingungen und meist in unterbezahlten Jobs, während die Preise für Wohnraum immer weiter steigen. Genau dieser Widerspruch wird auf den Kanaren immer sichtbarer: eine starke Tourismuswirtschaft auf der einen Seite - Armut, Wohnungsnot und soziale Unsicherheit auf der anderen. 

Wohnungslosigkeit ist dabei nur die sichtbarste Spitze des Problems. Cáritas Tenerife warnt, dass sich die Krise verschärft und längst nicht mehr nur klassische Armutsgruppen betrifft. Immer häufiger geraten auch Menschen in Not, die arbeiten, aber sich keine Wohnung mehr leisten können. Auf der Website von Cáritas Tenerife findest du einen Bericht, der die Entwicklung der Lebensumstände auf Teneriffa - im Bereich Armut und Wohnungslosigkeit - im vergangenen Jahr dokumentiert: "Exclusión Residencial Extrema en Tenerife 2025". 

Die Ursachen für Armut und Wohnungslosigkeit sind vielfältig. Neben fehlendem bezahlbarem Wohnraum zählen niedrige Löhne, eine unzureichende soziale Absicherung und eine Politik, die zu lange vor allem auf Wachstum gesetzt hat, zu den Gründen dafür, dass auf den Kanaren zahlreiche Menschen mittellos sind und in großer Not leben.

Wer auf eine der Inseln reist, um dort seinen Urlaub zu verbringen, sollte diese Zusammenhänge kennen.

Wenn Reisen den Lebensraum der Menschen vor Ort belastet, wird es Zeit, genauer hinzusehen. Dazu gehört, bewusster zu buchen, lokale Anbieter zu unterstützen und sowohl private Ferienunterkünfte als auch All-inclusive-Angebote großer Reiseveranstalter kritisch zu hinterfragen. Denn wenn Gäste den größten Teil ihres Urlaubs innerhalb einer Hotelanlage verbringen, kommt bei Restaurants, kleinen Geschäften und selbstständigen Anbietern häufig nur wenig an.

Wer bewusst reisen und die regionale Wirtschaft stärken möchte, sollte deshalb darauf achten, wo das eigene Geld tatsächlich bleibt – und Angebote bevorzugen, von denen auch die Menschen am Reiseziel profitieren. Bewusstes Reisen sollte keine Frage des Einkommens sein. Auch mit kleinem Budget kann man außerhalb der Hotelanlage essen, lokal einkaufen, kleine Anbieter nutzen und den Menschen und ihrer Heimat mit Respekt begegnen.

Denn wo du deinen Urlaub verbringst, leben andere ihren Alltag. Wasser, Wohnraum und natürliche Ressourcen sind nirgendwo selbstverständlich.

Eine zusätzliche Herausforderung ist die Migration aus afrikanischen Ländern.

Die Kanaren liegen auf einer der gefährlichsten Routen nach Europa. Viele Menschen, die dort ankommen, haben Armut, Unsicherheit oder Perspektivlosigkeit hinter sich — und eine lebensgefährliche Überfahrt über den Atlantik überlebt.

Für die Inseln bedeutet das zusätzlichen Druck auf ein ohnehin überlastetes System: Unterkünfte, soziale Hilfen, Verwaltung, medizinische Versorgung und Integrationsangebote reichen oft nicht aus. Besonders schwierig ist die Situation für junge Menschen, die ohne Familie ankommen und zwischen Schutz, Bürokratie und Zukunftsangst stehen.

Trotzdem wäre es falsch, Migranten für Armut oder Wohnungsnot verantwortlich zu machen. Die Krise auf den Kanaren hat tiefere Ursachen: zu wenig bezahlbarer Wohnraum, steigende Mieten, niedrige Löhne, Ferienvermietung, Immobilienspekulation und eine Wirtschaft, die stark vom Tourismus abhängig ist.

Migration macht diese Probleme sichtbarer - aber sie hat sie nicht geschaffen.

Genau deshalb braucht es einen ehrlichen Blick: auf Einheimische, die sich ihre Heimat kaum noch leisten können. Auf Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit auf den Inseln stranden. Und auf ein Wirtschaftsmodell, das zu lange auf Wachstum gesetzt hat, ohne genug darauf zu achten, wer am Ende den Preis dafür zahlt.