Freitagmorgen.
Meistens vergesse ich meine Träume.
Schon wenige Minuten nach dem Aufwachen lösen sie sich auf, als wären sie nie da gewesen. Ein paar Bilder bleiben vielleicht, ein unbestimmtes Gefühl. Mehr nicht.
Nicht heute.
Heute erinnere ich mich an alles.
Ich habe von dir geträumt.
Wir waren irgendwo, an einem Ort, den ich nicht kannte. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, ihn zu kennen. Im Traum war das nicht wichtig. Es war warm. Hell. Weit weg von allem, was schwer ist.
Ich hatte dort diese Frau getroffen, die ich aus meinem alten Leben kannte, irgendwie. Wir hatten ein paar Mal beruflich miteinander zu tun gehabt, aber immer nur am Telefon. Ich hatte ihr Gesicht nie gesehen.
Und du warst da.
Die ganze Zeit.
Das ist es, woran ich mich am stärksten erinnere.
Du warst da und ich fühlte mich zum ersten Mal seit langer Zeit nicht mehr einsam.
Wir haben so viel zusammen gemacht.
Ich weiß nicht mehr alles. Im Traum waren es hundert kleine Dinge, und jedes davon fühlte sich leicht an.
Wir haben gelacht, hatten unendlich viel Spaß. Ich musste nicht nachdenken, nicht überlegen, nicht aufpassen.
Ich war glücklich.
Mit dir.
Und irgendwann veränderte sich etwas.
Nicht plötzlich. Eher so, dass man es erst bemerkt, wenn es längst passiert ist.
Du warst mir näher als je zuvor.
Deine Hand berührte meine, nur zufällig. Zumindest hätte ich das behaupten können.
Keiner von uns zog sie weg.
Ich weiß noch, wie du mich angesehen hast.
Länger als nötig.
Und ich wusste sofort, dass du genau dasselbe dachtest wie ich.
Da war dieses seltsame Gefühl im Bauch - halb Ruhe, halb unter Strom.
Ich erinnere mich an deine Nähe. An deine Wärme. Daran, dass ich für einen Moment vergessen hatte, wo wir waren.
Du hast mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen.
Eine kurze Berührung, die alles veränderte.
Plötzlich war nichts mehr wie vorher.
Ich weiß nicht mehr, wer sich zuerst bewegt hat.
Vielleicht du.
Vielleicht ich.
Vielleicht beide.
Ich weiß nur noch, dass zwischen uns irgendwann kein Abstand mehr war.
Und dass es sich nicht überraschend anfühlte.
Eher wie etwas, das längst beschlossen gewesen war.
Natürlich ist es passiert.
Im Traum gab es keinen Zweifel.
Nur dich und mich.
Nur diesen einen Moment, von dem ich mir wünschte, er würde für immer bleiben.
Nur eine Augenblick später fühlte sich alles anders an. Schwerer. Wirklicher. Plötzlich waren überall Menschen. Viele Menschen. Mit Gepäck. Wie auf einem Flughafen. Oder in einer Bahnhofshalle.
Wir mittendrin.
Du hast mich gefragt, wie es jetzt weitergeht.
Mit uns.
Ich habe dich angesehen.
Dich gefragt, ob du weißt, was du wirklich willst.
Du hast gesagt, dass du möchtest, dass es so bleibt. Dieses Ding zwischen dir und mir. Dieses Wir, das plötzlich da war.
Ich habe gesagt:
Dann lass uns so weitermachen.
Aber du hast mir nicht geglaubt.
Du warst sicher, ich würde zurückgehen. Zurück in mein altes Leben.
Zurück zu allem, was vorher gewesen war.
Und du hattest Recht.
So einfach war es nicht.
Nicht für mich.
Du hast gesagt, du verstehst das, doch ich müsse mich entscheiden.
Jetzt.
Keine Ausreden.
Kein Vielleicht.
Kein Hin und Her.
Du wolltest Klarheit.
Keine Kompromisse.
Und im Traum wusste ich plötzlich genau, was ich wollte.
Ich habe mich entschieden.
Für dich.
Vielleicht war das das Merkwürdigste an diesem Traum.
Nicht, dass du da warst.
Nicht, dass wir uns näher gekommen sind.
Nicht einmal, dass ich glücklich war.
Sondern dass ich keine Angst vor der Entscheidung hatte.
Ich wusste, dass es schwer werden würde.
Ich wusste, dass danach nichts mehr so sein konnte wie vorher.
Und trotzdem fühlte es sich richtig an.
So richtig, dass ich mich selbst kaum wiedererkannte.
Ich werde es schaffen, dachte ich.
Für dich.
Nein.
Nicht nur für dich.
Für mich.
Für uns.
Bevor du gegangen bist, hast du mich noch einmal angesehen.
Dieser Blick war wieder da.
Derselbe wie zuvor.
Nur ernster diesmal.
„Überleg dir, was du möchtest“, hast du gesagt. „Und klär das.“
Dann war da dieser kurze Moment, in dem ich nicht wusste, ob du noch etwas sagen würdest.
Du hast es getan.
„Ich bin da.“
Eine Pause.
„Ich warte auf dich.“
Und für einen Augenblick wollte ich einfach zu dir gehen. Diesen letzten kleinen Abstand zwischen uns schließen.
Dich festhalten.
Dich noch einmal küssen.
Aber ich tat es nicht.
Du bist gegangen.
Ich bin aufgewacht.
Freitagmorgen. Deutschland. Mein Zimmer.
Mein altes Leben.
Und keine Antwort.
Nur noch die Erinnerung an dich - daran, wie nah du mir gewesen warst.
Und dieses Gefühl, dass unsere Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist . . .